Dies und das
Untote Kekse
Cookies sind ein wichtiges Mittel, um im zustandslosen Protokoll HTTP einen Kontext herzustellen, der sich eine Sitzung (Session) oder einen darüber hinaus andauernden Benutzerbezug ohne Anmeldung oder zumindest ohne Wiederanmeldung befestigt. Aber sie können auch verwendet werden, um Daten über das Surf-Verhalten zu sammeln, und, zusammen mit anderen Technologien, sogar zu weiter reichenden Angriffen gegen die Sicherheit der Daten des Nutzers. Die Situation wird vor allem durch die Einbettung von Inhalten Dritter wie Anzeigen oder Schaltflächen von sozialen Netzwerkdiensten verschärft, da hierdurch eine allgemeine, über den Server, der das Cookie gesetzt hat, hinausgreifende Verfolgung des Nutzungsverhaltens möglich wird (s.a. den Artikel Gefällt mir). Die Möglichkeit, Cookies im Browser zu löschen, gilt deshalb als eine unverzichtbare Voraussetzung für die informationelle Selbstbestimmung von Internet-Nutzern. Doch diese Möglichkeit wird durch neuere Technologien durchbrochen, die sich einen Namen als Super-Cookies oder Zombie-Cookies gemacht haben.
Diese Technologien sind in erster Linie das Dateiformat Local Shared Object von Flash und das mit HTML5 eingeführte DOM Storage. Sie können dazu verwendet werden, dass auf dem Computer des Nutzers hinterlegte Referenzen das Löschen von Standard-HTTP-Cookies überleben. Und es ist möglich, die Persistenz von Cookie-Daten noch darüberhinaus sicherzustellen. Der kalifornische Programmierer und Sicherheitsforscher Samy Kamkar hat unter dem Namen Evercookie eine Kombination von Speichermechanismen programmiert, die einen Cookie fast unlöschbar macht.[1] Dabei setzt Evercookie nicht einmal alles ein, was möglich ist. Lücken im Tracking durch Cookies können etwa auch über die IP geschlossen werden, die der Zugangsanbieter temporär an den Surfer vergibt. (Die Einführung von IPv6 wird das Tracking über IP erheblich erleichtern, insbesondere wenn IPs nicht nur selten neu, sondern statisch vergeben werden.)
Auch Flash-Cookies und Super-Cookies, die sich den Beschränkungen von Standard-HTTP-Cookies entziehen, werden durchaus auch für sinnvolle Funktionalität eingesetzt. Wegen der Möglichkeiten, die sie für missbräuchliche oder zumindest fragwürdige Nutzungen bieten, müssen sie vielleicht dennoch als Teufelswerk betrachtet werden, zumindest als etwas mit „bittersüßem” Geschmack, wie der Titel einer Publikation des ENISA[2] suggeriert. Auf jeden Fall Nutzer sollte der Nutzer die gleiche Kontrolle über die gespeicherten Daten erhalten wie bei Standard-HTTP-Cookies. Software wie das Firefox-Addon BetterPrivacy[3] gibt ihm einen Teil von dem zurück, was er in den letzten drei, vier, fünf Jahren diesbezüglich verloren hat.
1.↑ Unter der URL http://samy.pl/evercookie/ (2010) werden die im Evercookie verwendeten Techniken erklärt und demonstriert.
2.↑ Bittersweet cookies. Some security and privacy considerations. ENISA (European Network and Information Security Agency), 2011.
3.↑ Die aktuelle Version 1.68 von BetterPrivacy (https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/betterprivacy/) funktioniert mit Firefox 3.5 und späteren Versionen (aktuell 12.0).
Fotogalerien
Zwei Callas
Vor einigen Tagen wurden mir zwei Callas (und eine Artischocke) geschenkt, wobei ich gleich an das berühmte Foto von Imogen Cunningham denken musste. Two Callas (1929) ist ein Meisterwerk: Es ist in so vielen Aspekten exemplarisch gelungen, dass ich immer wieder etwas Neues darin entdecke. Es reizte mich, das Thema aufzugreifen, ohne das Vorbild zu imitieren. Da ich keineswegs so vermessen bin zu glauben, als Gelegenheitsfotograf an Cunninghams Arbeit heranreichen zu können, habe ich nur in aller Bescheidenheit versucht, in Anordnung, Ausschnitt und Schärfeverteilung ein eigenständiges Ergebnis zu finden. Den Fokus habe ich auf die Kanten der weißen Blütenscheiden gesetzt und ließ die Kolben dagegen unscharf. Während ich den schwarzen Hintergrund übernommen habe, habe ich das Licht eher diffus gesetzt. Auch bei der nachträglichen Herausarbeitung der Zeichnung des heller beleuchteten Blattes habe ich mich zurückgehalten, um das Auge bei der Suche nach dem scharfen Detail ganz vorn im Bild nicht abzulenken. (Zur Fotogalerie→)
Dies und das
Standortbezogen
Eine Unzahl von Satelliten schwirren um unseren Planeten, viele davon allein zu unserem Komfort, etwa Fernsehsatelliten. Viele Technologien, die als Teil einer militärischen Infrastruktur entwickelt wurden, etwa das Internet, haben große Bedeutung im zivilen Leben erhalten und prägen den Lebensstil unserer Zeit, so auch Positionsbestimmungssysteme wie GPS. Es soll inzwischen Leute geben, die ohne Navigationsgerät im Auto in der eigenen Stadt nicht mehr nach Hause finden würden. Das Mobiltelefon hat für manche Menschen die Bedeutung eines Körperteils. Die Gefahr eines solchen Wahns ist bei einem Smartphone besonders gegeben, denn es vereinigt in sich und verbindet viele Funktionen, die über die Nutzung eines (terristrischen) Mobilfunknetzes für die Telekommunikation hinausgehen – basierend auf einer oder mehrerer Kameras (vorn und hinten), Sensoren und einem Empfänger für die satellitengestützte Positionsbestimmung. Es gibt Menschen, auch junge, die den technologischen Versuchungen widerstehen. Und es lässt sich kaum leugnen, dass die Versuchung der Smartphones Beschleunigung mit sich bringt und auch die Gefahr von Entfremdung und Fetischismus in sich birgt. Aber die Möglichkeiten, die sich bieten, verlangen einiges an Askese, um diesen Widerstand aufrechtzuerhalten.
Verknüpfung und Nahtlosigkeit ist das Paradigma eines Smartphones. Ein Headset – den es gleichwohl schon beim feature phone gab – veranschaulicht das: Die Nutzung kann von einem Augenblick auf den anderen vom Musikhören zum Telefonieren übergehen. Doch es gibt Anwendungen, die für nicht wenige ein Smartphone selbst ohne Telefonie noch attraktiv genug erscheinen lassen würden. Standortbezogene Dienste (location-based services) erleichtern das Zurechtfinden in der Umwelt. Eine App wie DB Navigator[1], die Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs und Navigationsinformationen (Karten, Zeit, Position) integriert, ermöglicht es, mit öffentlichen Verkehrsmitteln einen gewissen Einklang zwischen Spontanität und Zielorientierung herzustellen, der einen Gewinn an Lebensqualität mit sich bringt – einfach weil man schneller voran kommt, ohne den Weg vorher geplant zu haben. Voraussetzung ist natürlich ein gut ausgebautes Liniennetz, was nicht überall gegeben ist. Aber auch dort, wo es vorhanden ist, hält sich die Begeisterung manchmal in Grenzen: Die Busse in Düsseldorf etwa kommen eigentlich wann sie wollen, je nach Verkehrslage zu früh oder zu spät, pünktlich nur, wenn es nicht anders geht, und die App verfügt leider nicht über Echtzeitinformationen für diese Verkehrsmittel. Trotzdem ist DB Navigator definitiv eine „Killer App”.
Bei der spontanen Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel kann sich der Erwerb einer Fahrkarte schwierig gestalten. Genügend Kleingeld im Portemonnaie nützt nichts, wenn der Automat nicht funktioniert oder im näheren Umkreis nicht vorhanden ist oder die Fahrkartenausgabe beim Busfahrer kaputt ist. Zwar ist es nachvollziehbar, wenn auch bedauerlich, dass Verkehrsbetriebe Gelegenheitsfahrgäste, die Kosten verursachen und nicht so einfach kalkulierbar wie Abonnenten sind, nicht mögen. Doch viele potentielle Nutzer schreckt die Schwierigkeit des Fahrkartenerwerbs wahrscheinlich schon ab. Abhilfe oder mindestens Milderung schafft ein Dienst wie HandyTicket Deutschland[2]. Mit der App des Anbieters, an dem Verkehrsverbünde in verschiedenen Städten und Regionen beteiligt sind, kann sich jeder Smartphone-Besitzer seinen eigenen Fahrkartenautomaten anlegen. Die Registrierung, bei der die für den Fahrkartenkauf notwendige PIN erstellt wird, ist teilweise noch etwas holprig, aber das wird sicherlich bald verbessert. Bezahlt wird über Kreditkarte, Lastschrifteinzug oder Vorauszahlungskonto.
Wer immer noch mit dem Auto fährt, wird über die Möglichkeit glücklich sein, den Abstellort des Fahrzeuges nach längerer Parkplatzsuche in der Kartenanwendung seines Smartphones markieren zu können, um später wieder zum Fahrzeug zurückzufinden.
1.↑ DB Navigator, für iOS (iPhone/iPad), Android und Windows Phone 7.
2.↑ HandyTicket Deutschland, für iOS (iPhone/iPad), Android und als Java-Applet.
Politik
Kollektiver Monolog
Agnes Krumwiede, Klavierspielerin und Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen für Kulturpolitik, hat in der taz von heute einen Beitrag zur Urheberrechtsdebatte untergebracht, dessen konservative Haltung durchaus etwas erfrischendes hat.[1] Ihr Vorwurf, dass Debatten im Internet, wie auch diese, häufig von Verunglimpfungen, Schmähungen und Verlästerungen geprägt werden, ist nicht aus der Leere gegriffen. Schlechtreden gilt einigen im Netz als guter Ton. Mitunter geraten Foren und soziale Netzwerke in einen Strudel, in welchem emotional geprägte Empörung, die in ihrer Formulierung entgleitet, in der Sache berechtigte Kritik entwertet. Solch ein Shitstorm, also ein „Sturm von Scheiße”, lässt an der vielbeschworenen Schwarmintelligenz zweifeln – mag das Opfer, das damit überzogen wird, ihn durch sein Verhalten auch provoziert haben. Und ja, die großen Verwerter in Musik- und Filmindustrie geben häufig genug Anlass für Unmut bei ihren mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, das unberechtigte Kopieren von digitalen Inhalten durch Kriminalisierungspropaganda, rechtliche Verfolgung oder technische Bevormundung einzudämmen.
Dieses Verhalten der Industrie adelt aber das Kopieren von Medien und Dateien mit urheberrechtlich geschützten Inhalten nicht als ehrenhaftes Piratentum, wie der eine oder andere glauben mag. So einfach sieht das die Partei der Piraten keineswegs[2]. Hinsichtlich der Lösungsansätze bleibt das Programm der Piratenpartei zum Thema Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung, wie bei anderen Themen auch, allerdings offen. Vorschläge wie der, Urheber über einen zentralen Pool entsprechend der Nachfrage zu entlohnen, haben einen gewissen neo-liberalen Anklang, der die Wählerwanderung von der FDP zu den Piraten plausibel und nicht als nur diffusen Protest erscheinen lässt. Damit sei nicht gesagt, dass der Ansatz als Basis oder Teil einer Lösung nicht diskutabel sei – wie andere Vorschläge und Ideen auch. Allen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, ist klar, dass Urheber- und Verwertungsrecht dringend einer Reform bedürfen. Nationale Gesetze machen zudem ohne internationale Abkommen heute nicht mehr viel Sinn. Eine Lösung des Problems, die dem Informationsbedürfnis der Konsumenten und auch den Urhebern gerecht wird, entsteht bestimmt nicht durch den Interessenausgleich zwischen multinationalen Konzernen, aber auch nicht ohne diese. Denn ihre Interessen im Hinblick auf das Verwertungsrecht sind zu einem großen Teil auch die der mittleren und kleinen Verlage und Labels – und nicht zuletzt der Urheber. Eine Debatte, die nicht alle Beteiligten, und vor allem nicht zuallererst die Urheber einbezieht, hat etwas von einem kollektiven Monolog.
1.↑ Agnes Krumwiede: Keine Angst vor dem Shitstorm, taz. die tageszeitung vom 13. April 2012, auch online zu lesen.
2.↑ Parteiprogramm der Piratenpartei Deutschland, online im Wiki der Partei zu lesen.
Literatur
Niemandsland
Letztens wollte ich mal wieder einmal etwas von Handke lesen, und kam auf das Jahr in der Niemandsbucht[1], vom autobiografischen Hintergrund dieses Buches wissend. Ich war neugierig, etwas über Handkes Beweggründe für den Rückzug in eine Gegend zu erfahren, die sich irgendwo am Rand der Großstadt Paris befindet, das geschäftige Treiben in Blickweite, einen Apfelbaum im Garten. Ein wenig wurde meine Neugierde auch von einer vagen persönlichen Verbindung angeregt, denn Verwandte von mir leben ganz in der Nähe des Ortes, an den er gezogen war, bevor er sich für das westliche Ende der Kette von Waldstücken im Südwesten der Großstadt entschied, die zwischen jener Vorstadt und seinem langjährigen und noch andauernden Wohnort liegt.
Handkes Buch, mehr ein Gedankenstrom, der mäandernd auch Handlungsbruchstücke mit sich zieht, als ein Roman, erinnert mich an das selbstvergessene Spiel eines Kindes, das in kleinen Dingen, die die Erwachsenen nicht mehr bemerken, Welten entdeckt. Handkes Icherzähler erlebt in der Vorstadt und ihrer Umgebung, die er zu Fuß erwandert, im Alltag des einfachen Lebens, traumwandelnd und zugleich hellwach, Augenblicke, in denen ein Neuanfang, ein neuer Anfang möglich zu werden scheint, in denen die Möglichkeit eines wahren, einfachen Lebens aufscheint. Es ist eine Art von Reise, wie die von weitem miterlebten Reisen seiner Freunde, die er am Ende des Buches wiedersehen wird, eine Reise auch zu sich selbst, zur ganz eigenen Wahrnehmung der Welt.
Durch ein Zitat in einem Essay von Bernard Aspe über den Film The Tree of Life von Terrence Malick bin ich wieder auf das Buch gekommen.[2] In Aspes philosophischer Betrachtung geht es um den Ursprung der DInge – in meinen Worten zusammengefasst: Was uns mit Dingen verbindet, ist eine Gnade, die uns in einem Augenblick der Wahrheit zuteil wird, dem Augenblick der ersten Begegnung, der eine im Sinne von Unmittelbarkeit wahre Beziehung herstellt. Der Gnade wird widersprochen, wir verlieren die Beziehung. Ein Synonym für die Sehnsucht, den Augenblick der Gnade wieder zu erleben, das Versprechen des Anfangs, ist die „neue Welt”, „Amerika”. In Malicks vorigem Film, The New World, geht es um eine Berührung zwischen englischen Siedlern und amerikanischen Ureinwohnern, die zum Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen wird. Aspe sieht in The New World nicht nur den Titel eines Films von Malick, sondern „das Wirkliche, das sein Kino einzukreisen” versuche – im Sinne eines Zitats aus dem einleitenden ersten Teil von Handkes „Märchen”:
Die Erde ist längst entdeckt. Aber immer noch werde ich dessen inne, was ich für mich „Die Neue Welt” nenne. Es ist das herrlichste Erlebnis, das ich mir vorstellen kann. Gewöhnlich ereignet es sich nur für den Funken eines Augenblicks und flimmert dann vielleicht eine Zeitlang nach. Ich habe dabei keine Gesichter und keine Erscheinung. (In mir ist ein Misstrauen gegen all die ohne Not Erleuchteten.) Es ist das Alltägliche, das ich als die neue Welt sehe. Es bleibt, was es war, strahlt nur von Ruhe, eine Schneise oder Startbahn zwischen der alten Welt, wo es frisch anfängt.
1.↑ Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht: Ein Märchen aus den neuen Zeiten (Suhrkamp Verlag, 1994).
2.↑ Bernard Aspe: De l’origine radicale des choses; in: Cahiers du Cinéma, No. 673, Décembre 2011.
Musik
Zeit-Linie
Das prominenteste Merkmal der Musik Afrikas der Subsahara ist der Rhythmus. Seine Grundlage ist (eine zumeist nur gedachte) durchgehende Perkussion[1], deren Geschwindigkeit einem mehr oder weniger beschleunigten menschlichen Puls entspricht. Den Grundschlag (beat), der Tempo und tänzerische Bewegungen bestimmt, überlagern langsamere und schnellere Zeitschichten, die jeweils zwei oder jeweils drei Schläge zu einer Periode zusammenfassen oder die Teilung der benachbarten langsameren Schicht verdoppeln. In der raschesten bzw. dichtesten dieser Schichten wird die nicht weiter unterteilte kleinste Einheit erreicht[2], die dem antiken chronos protos[3] entspricht. Wenn das Pulsraster (pulse) unmittelbar klingend in Erscheinung tritt, dann selten in einem einzelnen Part, sondern zumeist als Resultante, zu der sich rhythmische Muster (pattern) verschiedener Stimmen (parts) vereinigen.
Die rhythmischen Muster der einzelnen Parts geben Teilungen der Periode wieder (divisions), wobei Zweier- und Dreierteilungen hemiolisch aufeinanderfolgen können, oder besetzen ausgewählte Positionen der Pulsschicht, sodass Pulsschläge zu verschiedenen einzelnen Dauern addiert werden, wobei verschiedene Dauern (oder vielmehr Einsatzabstände) nacheinander erscheinen (additive rhythm). Bei der Kombination von Mustern entstehen Kreuzrhythmen und komplementäre Muster.
Ein Muster, dessen Anschlagsdichte nah beim Grundschlag liegt, aber aus unterschiedlich langen, also auch kürzeren Dauern besteht, und über lange Abschnitte eines Stückes wiederholt wird, dient als Schlüssel- oder Leitlinie und wird time line (Zeit-Linie) genannt, oder nach den Instrumenten, mit denen sie häufig ausgeführt werden – Idiophonen aus Metall – auch bell pattern. Sie stellt eine Orientierung für die Ausführenden her, indem sie die Vorstellung des Pulsrasters erleichtert.
Die Perioden sind dagegen eher übergeordnete Dauern, die eine vielfältig teilbare Anzahl von Schlägen zusammenfassen, und beinhalten anders als das europäische Metrum keine Gewichtung von Schlägen (mit schweren und leichten Positionen). In der afrikanischen Musik kann der Einsatzpunkt eines Musters beliebig um eine Pulseinheit verschoben werden, auch bei der „Zeit-Linie”.[4]
Die Afrikaner, die als Sklaven nach Nord- und Südamerika verschleppt wurden, nahmen Elemente der europäischen Kultur in ihre Musik auf, die sich aufgrund ihrer erzwungenen sozialen Situation von ihren ursprünglichen kulturellen Zusammenhängen löste. Heute können wir uns kaum Musik vorstellen, die nicht auf irgendeine Weise von lateinamerikanischer Musik, Blues und Jazz beeinflusst wäre. Moderne Musik wiederum hat, wo sie das Konzept des Metrums mit gewichteten Zählzeiten aufgegeben hat, mitunter in der ursprünglichen afrikanischen Musikpraxis ein fruchtbares Vorbild entdeckt. Die afrikanische Musiktheorie, die Forscher[5] aus Überlieferungen und Beobachtungen hergeleitet haben, zeigt, dass vermeintlich Primitives, wie subsaharische Trommelmusik, sehr komplex sein kann.
1.↑ Mit Perkussion ist hier eine Anschlagsfolge gemeint.
2.↑ Mitunter treten jedoch noch kürzere Werte auf, indem Anschläge sehr dicht vor oder nach einem Schlag gesetzt werden.
3.↑ Chronos protos, a. protos chronos, gr. πρώτος χρόνος, sinngemäß also Zellzeit oder Zeitzelle.
4.↑ Das Diagramm zeigt oben das Schema der Pulsschichten mit zwei alternativen Perioden (3-time period, 2-time period). Zur leichteren Unterscheidung werden hier verschiedene Notenkopfformen verwendet, wobei der Grundschlag (beat) in weißen Quadraten notiert wird. Im unteren Teil des Diagramms habe ich drei frei erfundene einfache Beispiele notiert (Ex. 1, Ex. 2, Ex. 3), bei welchen der Zeitlinienpart (time-line) mit weißen Schlägeln und die Muster mit höherer Ansschlagsdichte (pattern), hier allesamt „additive” Muster, mit grauen oder schwarzen Schlägeln dargestellt werden. Die Notation mit Schlägeln soll verdeutlichen, dass es sich um Anschlagspunkte handelt. Die sich aus den Einsatzabständen ergebenden Dauern werden nur durch die grafischen Abstände dargestellt.
5.↑ Meine wichtigste Quelle ist J.H. Kwabena Nketia, dessen Buch The Music of Africa von 1974 zur Standardliteratur gehört.
kymbala
Hundert
Dies ist mein 100. Artikel. In dem runden Jahr, seitdem mein Blog besteht, ist die Anzahl der Artikel pro Monat kontinuierlich weniger geworden. Aber es kommen immerhin weiterhin neue hinzu. Die Themenschwerpunkte waren bisher, quantitativ betrachtet: Künste und Philosophie (Kategorie Artes) mit zwei Fünfteln, Essen und Trinken, sowie Garten (Kategorie Lebensart), mit über einem Viertel (zwei Siebteln) und Programmierung mit einem Achtel der Artikel. Beim Rest der Artikel (etwa einem Fünftel) geht es um alles Mögliche, im weitesten Sinn politische Themen, Alltägliches und Persönliches, sowie um den Blog selbst. Die Länge der Artikel ist sehr unterschiedlich: Der kürzeste ist eine kleine Notiz von 41 Wörtern, der längste umfasst mit Zitaten und Fußnoten 925. Die durchschnittliche Länge, der etwa ein Drittel der Artikel entspricht, liegt bei 340 Wörtern bzw. 1900 Zeichen. Woran liegt es, dass ich mit jedem Monat weniger Artikel schreibe? Waren es am Anfang etwa vier pro Woche, sind es nun nur noch zwei pro Monat. Einerseits habe ich weniger Zeit übrig, die ich für den Blog aufwenden könnte, andererseits verbringe ich die Zeit, die mir zur freien Verfügung bleibt, mit anderem. Trotzdem werde ich mein Publikum, auch wenn es ziemlich erlesen ist – und leider nur selten Kommentare schreibt – nicht im Stich lassen. Das Schreiben ist für mich eine Gelegenheit, mich mit einem Thema noch einmal auseinanderzusetzen, etwas zusammenzufassen, Halbwissen durch Recherchen zu vervollständigen, mir etwas bewusster zu machen, oder einfach etwas zu notieren, was vielleicht auch für andere interessant ist.
Garten
Urbane Agrikultur
Neulich war ich bei Freunden, die ich lange nicht gesehen hatte. Es stellte sich heraus, dass sie ihr Gemüse inzwischen fast ganz aus eigenem Anbau beziehen. Die Unzufriedenheit mit dem Angebot an Lebensmitteln, was Vielfalt, Qualität und Preis angeht, und mit den Bedingungen der Produktion hat weltweit Initiativen ausgelöst, bei denen Stadtbewohner – aber auch Landbewohner, soweit es solche im eigentlichen Sinn noch gibt – zumeist als landwirtschaftliche Dilettanten versuchen durch teilweise Selbstversorgung Alternativen zu schaffen. Das Bestreben, auf kleiner und kleinster Fläche – wie etwa einem Balkon – eine möglichst große Vielfalt zu erreichen, führt zu großem Einfallsreichtum bei den Anbaumethoden. Kartoffeln etwa können in einer durchlöcherten Tonne gedeihen. Ziergärten, bei denen Blumenbeete und Gehölzreihen eine rechteckige Rasenfläche umsäumen, verwandeln sich in dicht bewachsene bunte Laboratorien gärtnerischer Experimentierlust, in denen fast alles essbar ist. Eine Anordnung in kleinen runden Zonen statt in langen Beetreihen ermöglicht eine größere Vielfalt an Pflanzen. In Gebieten, in denen die Verteuerung der Lebensmittel eine existentielle Bedrohung darstellt, in Gebieten, in denen keine frischen Lebensmittel mehr angeboten werden, aber auch in reichen Ländern wie Deutschland, wo der Marktanteil an biologisch angebautem Obst und Gemüse vergleichsweise groß ist, erlebt der Selbstanbau eine Renaissance.
Wein
Blumige Frische
Gestern haben meine Frau und ich, aus gegebenem Anlass, mitten in der Woche Sekt und zum Essen (u.a. Linsen mit Peperoncini) eine Flasche Rotwein getrunken. Der Wein hatte mich nach dem Crémant zuerst beinah ein wenig erschrocken. Fast ohne Säure im Vergleich zum Crémant verblüffte er mich mit einer ganz anderen Spielart von Frische, in der sich der Duft von Brombeeren und schwarzen Kirschen mit der Erinnerung an Blütenblätter vermischte. (Zur Weinbesprechung→)
Dies und das
Lärm und Rauschen
Letztens in der Straßenbahn, als mir das im Untergrundtunnel verstärkte Rattern, Quietschen und Schleifen der Schienen es ganz unmöglich machte, dem Podcast in meinen Ohrsteckern zu folgen, musste ich über die Allgegenwart von Lärm nachdenken. Über alle Geräusche erheben sich die von einem Gongschlag eingeleiteten zweisprachigen Haltestellenansagen – Düsseldorf ist eine internationale Stadt – mit erschöpfender Aufzählung aller Anschlüsse. So begann ich die jugendlichen Fahrgäste zu verstehen, die ihre Lieblingsbeschallung so hart in ihre Ohren peitschen, dass sie als uhrwerkhaftes Zischeln im ganzen Tramwagon versprüht wird. Ja, wir leben in einem Zeitalter des Lärms, unter anderem, wie Huxley in einem aphoristischen Essay über Stille[1] bemerkte. Das englische Wort noise bedeutet allerdings auch Rauschen, und es ist vor allem dieses, als Gegenteil von Stille, das Huxley meinte. Lärm ist das Geräusch der anderen, wie es ein vielzitiertes Bonmot von Tucholsky[2] definiert, in der Straßenbahn also – um den Bogen zu Huxley zu ziehen – das unerwünschte Geräusch, das das erwünschte, durch Kopfhörer vor der Außenwelt verborgene Geräusch aus dem tragbaren Abspielgerät übertönt.
Der moderne Mensch erträgt anscheinend die Stille nicht – sein manischer Lebensstil sucht Bewegung und Unterhaltung und vermeidet den geringsten Anschein von Stillstand und Leere. Die für die Mobilität aufzuwendende Zeit empfinden wir als leer und versuchen sie mit Unterhaltung zu füllen, ein Buch lesend oder Musik oder gesprochene Texte hörend. Die multiplizierte Mobilität ist es jedoch auch, die den meisten Lärm verursacht. Da Geräuschdämpfung anscheinend kein Kriterium bei Herstellung und Ankauf von Straßenbahnfahrzeugen ist, leiden die Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr selbst – im Gegensatz zu Autofahrern, zumindest denen, die in Limousinen sitzen – unter dem Lärm, den die von ihnen benutzten Fahrzeuge erzeugen.
1.↑ Aldous Huxley: On Silence; in: Silence, Liberty, and Peace (1946).
2.↑ Kurt Tucholsky hat sich in Aufsätzen in der Weltbühne wiederholt mit diesem Thema auseinandergesetzt, u.a. unter dem Titel Zwei Lärme 1925 und in einem Traktat über Lerm und Geräusch 1927.